Ich bin eine von vielen. Und so trage ich ein Tabuthema mit mir. Ich durfte Abschied nehmen, über 30 Jahre lang. Eine lange Zeit mit vielen Tränen, Verzweiflung und auch Wut.

Im jungen Alter von 17 Jahren war ich schwanger, in einer Partnerschaft, die heute sicherlich unter ein bestimmtes Gesetzt fallen würde. Aber davon möchte ich hier gar nicht berichten. Ich war jung, unwissend und die Schwangerschaft blieb nicht, ich verlor es Mitte des dritten Monats. Sicherlich gibt es Frauen, die nun sagen „ach, ja so früh, das ist doch nicht der Rede wert“. Für mich damals tat es irrsinnig weh. Ich erinnere mich noch, wie ich in der Stadt auf einer Bank saß und eine älter Frau neben mir saß, mich anschaute und sage „Kind, was ist mit Dir“ und obwohl ich die Frau nicht kannte, erzählte ich ihr davon. Die Frau sah mich nachdenklich an, griff in ihre Tasche und holte einen Seifenschmetterling heraus, übergab mir diesen und sagte „das wird vergehen“.

In den Folgejahren fehlte der passende Partner oder auch nicht, aber es gelang nicht. Ich wurde nicht wieder schwanger. Für mich war es schon recht früh klar, ich möchte Mutter werden und das am liebsten von mindestens drei Kindern und alles Mädchen. Das verstand sich von selbst. Doch Mutter Natur hatte mit mir andere Dinge vor.

Vor 15 Jahren wurde dieses Thema wieder für mich wichtig. Ich machte ich eine Aufstellungsarbeit dazu, trat in Kontakt mit meinem Kind, weinte, nahm es in die Arme und vergab mir. Ja, so ist es gewesen. Warum Vergebung? Weil mich viele, viele Jahre Schuldgefühle plagten, ich wusste nicht mehr so viel über die körperlichen weiblichen Prozesse und hatte das Gefühl, ich sei schuld daran. Ich nahm Abschied in der Aufstellung und doch beschäftigte mich das Thema immer wieder.

Es schmerzte, tat richtig weh, diesen Schmerz kann ich kaum beschreiben…

Es schmerzte, tat richtig weh, diesen Schmerz kann ich kaum beschreiben. Aber mich damit abzufinden, dass ich in diesem Leben keine Mutter werden konnte, konnte ich viele Jahre so nicht annehmen, akzeptieren. Vor 5 Jahren trat mein Körper in den Gestaltungsprozess und bewirkte, dass ich Myome bekam. Aber dazu mehr im Artikel – das Myom – oder die Myome und ich.

So entschied ich vor drei Jahren ein tiefes Ritual für mich zu machen und verabschiedete mich gefühlt, das erste Mal richtig von meinem ungeborenen Kind. Die Vorbereitungen waren intensiv, ich folgte meiner Intuition und besorgte mir Blumen, eine kleine Muschel, einen kleinen Teddybären, Räucherwerk und schrieb einen kleinen Brief. All das führte dazu, dass ich wirklich Abschied nehmen konnte. Mit vielen Tränen, doch auch danach mit einem Gefühl „jetzt ist es gut“.

Ja, die alte Dame, hatte Recht, heute 31 Jahre später, atme ich bei diesem Thema tief durch. Nimm mich gedanklich liebevoll in die Arme und fühle einfach. Es tut nicht mehr so weh. Es begleitet mich, die Erinnerung, aber vor allem das Ritual.

Ich schrieb zu Anfang, dass ich ein Tabuthema mit mir trage. Kaum eine Frau erzählt über solch eine Erfahrung. Klar, ist ja auch kein schönes Erlebnis. Wenn ich mit Frauen spreche, mit austausche oder sie begleite, taucht irgendwann dieses Thema auf, nicht bei allen, aber bei vielen. So zählt auch dieses zu dem gesellschaftlichen Tabu, wie der Tod an sich.

Heute gibt es Frauen, die Frauen und ihre Sternenkinder beim Abschied nehmen zur Seite stehen. Es gibt Hebammen, Doulas und Fotografinnen, die diesen Prozess liebevoll begleiten. 1991 wusste ich davon nichts.

Nun bin ich seit einigen Jahren in den Anfängen des GezeitenWechsels, ich blicke auch mein Leben als mögliche Mutter zurück und verstehe, verstehe, warum Mutter Natur mit mir andere Pläne hatte. Heute begleite ich, nicht direkt im Prozess der Sternenkinder, aber ich begleite Frauen, die dieses Thema noch schmerzhaft in sich tragen und Abschied nehmen wollen. Mein damaliges Ritual ist inzwischen in meinen Repertoire und wandelt sich immer wieder direkt auf die Bedürfnisse der Frau.

Abschied nehmen, ein wirkliches Loslassen, ist möglich.

Doch ist es keine Geheimnis, es tut weh, es werden Tränen vergossen und es bleibt für immer im weiblichen System, im weiblichen Feld und verbindet sich dort mit den gleichen Erfahrungen von tausenden von Frauen. Frauen, die vor uns waren, Frauen, die mit uns sind und Frauen, die nach uns kommen.

Trägst Du solch eine Erfahrung mit Dir?
Traust Du dich nicht darüber zu erzählen? Würdest es aber gerne?
Trägst Du den Schmerz mit Dir?
Durchbreche das Tabu, tausche Dich mit Freundinnen aus.
Mit Frauen.
Im roten Zelt.
In einem Mondzyklenraum.

Denn Du bist nicht allein.

Von Frau zu Frau sei wild, frei, weiblich und erinnere Dich.

Alexandra – RitualFrau

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